Der Fremde
Ein Film von François Ozon Frankreich 2025 / 123 Min ab 15 Jahre
Inhalt
In der Hitze und Anspannung des von Frankreich kolonialisierten Algeriens steht ein Mann vor Gericht: Meursault, um die dreißig Jahre alt, ein ruhiger, emotionsloser Mensch. Er hat einen Mann umgebracht – am Strand erschossen, weil die Sonne ihn geblendet hat. Während er in seiner Gefängniszelle auf die Verurteilung wartet, erzählt der Film von Meursaults Gleichgültigkeit gegenüber der Welt: Von seinem unbeteiligten Auftreten bei der Beerdigung seiner Mutter, den fragwürdigen Machenschaften seines Nachbarn Raymond Sintès, die ihn kalt lassen oder der Affäre mit seiner früheren Kollegin Marie Cardona – die er heiraten würde, aber nicht liebt, weil ihm Liebe ebenso wenig etwas bedeutet wie Trauer oder Mitmenschlichkeit. Nicht wegen Mordes, sondern seiner Nonkonformität wird Meursault letztlich zum Tode verurteilt. Sein Verhalten hält der Gesellschaft und ihrer Doppelmoral den Spiegel vor. Und er selbst? Wird in der vollständigen Akzeptanz der Sinnlosigkeit der Welt ein freier Mensch.
filmisch
Mit DER FREMDE präsentiert François Ozon eine Neuverfilmung des existenzialistischen Romanklassikers von Albert Camus. In sinnliche Schwarz-Weiß-Bilder getaucht und von einem Minimalismus in Spiel und Inszenierung getragen, folgt Ozon der grundsätzlichen Erzählstruktur des Romans. Er greift Passagen im Wortlaut auf, legt Originaltexte des Ich-Erzählers im Voice-Over über Nahaufnahmen des Protagonisten. Dazwischen bringt die Filmmusik von Fatima Al Qadiri Widersprüche zum Schwingen. Anders als Viscontis Adaption aus dem Jahr 1967 nimmt Ozon jedoch auch eine dezente Erweiterung vor: Um den Stoff in den kolonialen Kontext zu setzen, ändert er Anfang und Ende ab, fügt Archivaufnahmen hinzu und stattet Figuren mit Namen und Geschichten aus – so erhält z. B. der bei Camus namenlose Ermordete in Anlehnung an Kamel Daouds Gegenroman „Meursault, contre-enquête“ den Namen „Moussa“. Ozon präsentiert damit zwar keine Neuinterpretation des Werks, ihm gelingt aber die Gratwanderung zwischen Werktreue und Aktualitätsbewusstsein.
Anknüpfungspunkte an die pädagogische Arbeit
Gibt es einen inhärenten Sinn im Leben oder müssen wir ihn selbst erschaffen? Muss ein Mensch Gefühle zeigen, um als "normal" zu gelten? Und welchen Absurditäten sah sich Meursault – welchen sehen wir uns heute gegenüber? Der Film lädt zu einem philosophischen Ausflug in Camus' existenzialistisches Schreiben und Denken ein und kann zugleich Brücke zu aktuellen gesellschaftlichen Entfremdungszuständen sein. Als filmische Transposition einer Ich-Erzählung aus der Kolonialzeit lassen sich dramaturgisch und ästhetisch im Besonderen zwei Felder beleuchten und diskutieren: Wie lässt sich das Innenleben einer verschlossenen Figur filmisch sichtbar machen? Und wie wird die innere Perspektive von Camus' Figur in der filmischen Erzählung aufgelöst? Welche Erzählabsichten verfolgt Ozon durch die vorgenommenen Erweiterungen? Und gelingt allein damit ein kritischer Blick auf den kolonialen Kontext des Werks?
Autor*in: Lisa Haußmann 30.12.2025, Letzte Aktualisierung: 19.01.2026
- Originaltitel
- L'Étranger
- Genre
- Literaturadaption
- Altersempfehlung
- ab 15 Jahre
- Klassenstufe
- ab 10. Klasse
- Unterrichtsfächer
- Französisch, Deutsch, Philosophie, Politik, Sozialkunde, Kunst, Religion, Ethik
- Themen
- Individuum (und Gesellschaft), Entfremdung, Moral, Freiheit, Verantwortung, Normenkritik, Gewalt, Kolonialismus, Rassismus, Algerien, Existenzialismus, Nihilismus
Credits
- Filmtitel
- Der Fremde
- Originaltitel
- L'Étranger
- Kinostart
- 01.01.2026
- Genre
- Literaturadaption
- Regie
- François Ozon
- Buch
- François Ozon nach dem gleichnamigen Roman von Albert Camus
- Darsteller*innen
- Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Swann Arlaud, Denis Lavant u. a.
- Altersempfehlung
- ab 15 Jahre
- FSK
- ab 12 Jahre
- Verleih
- Weltkino Filmverleih